NOTEBOOK
Notizen aus der Produktion / von KOLJA MENSING
fenster zum hof
Das junge Paar zog im Seitenflügel ein. Die beiden legten keinen Wert auf Vorhänge, und so nahm ich teil an ihrem eindrucksvoll strukturierten Feierabend. Wenn ich mich am späten Vormittag an meinen Schreibtisch setzte, um zunächst einmal eine halbe Stunde wahllos durch das Internet zu surfen, hatten die beiden natürlich bereits zielstrebig ihre Wohnung verlassen. Am frühen Abend kehrten sie dann gemeinsam heim, setzten sich an den großzügigen Tisch in ihrer Wohnküche und aßen. Nach dem Abwasch holten sie ihre Notebooks heraus, schenkten sich noch etwas Rotwein in die langstieligen Gläser ein und widmeten sich schweigsam für ein oder zwei Stunden ihren Emails. An manchen Tagen erledigten sie, ihrem konzentrierten Gesichtsausdruck zufolge, wohl auch einen Teil der Arbeit, den sie tagsüber im Büro nicht geschafft hatten. Anschließend zogen sie sich mit einem der beiden Computer ins Schlafzimmer zurück, das ebenfalls gut einzusehen war, und nur wenig später flackerten blaue Schatten über ihre Gesichter. Sie schauten einen Film. Zuletzt, wenn ihre DVD zu Ende war, hatten sie noch Sex, und weil sie dabei gerne eine Nachtischlampe brennen ließen, wurden ihre professionell wirkenden Stellungen bestens ausgeleuchtet. Spätestens um Mitternacht löschten sie das Licht, um sich schlafen zu legen und Kraft für den nächsten Tag zu sammeln. In einem bemerkenswerten Kontrast zu diesem Pärchen stand der nicht mehr ganz so junge Mann, der im Stockwerk über ihnen lebte. Er stand erst am späten Nachmittag auf, entfernte eine aus alten Wolldecken improvisierte Verdunklung von seinem Fenster und hörte zum Aufwachen zwei Stunden lang laut Musik aus den Siebzigerjahren. Nachts lief er manchmal nur mit einem Bettlaken bekleidet durch die Wohnung, schwang einen abgesägten Besenstiel wie ein Schwert und deklamierte lauthals Verse. Auch er hatte keine Vorhänge. Das Sonderbare war, dass er und das junge Paar vor einem halben Jahr am gleichen Wochenende auszogen. Seitdem ist die Arbeit am Schreibtisch nicht mehr die gleiche.
kulturelles kapital
Die Honorare für Literaturrezensionen und kleinere schriftstellerische Arbeiten sind nicht gerade hoch. Ein- oder zweimal im Jahr passiert es darum. Das Konto ist erst leer, dann wächst das Soll und zuletzt wird der auf 600 Euro festgelegte Dispo überschritten. Am Geldautomaten ist „keine Auszahlung möglich“, die Miete und die Telefonrechnung werden nicht mehr eingezogen, und nur die Bank bucht noch regelmäßig einen nicht näher bestimmten Betrag von 6,14 Euro in eigener Sache ab. Immerhin ließ sich Letzteres schnell klären. „Das ist die Bearbeitungsgebühr für die Lastschriften, die wir mangels Deckung zurückgeben müssen“, setzte mir die Sachbearbeiterin auseinander, als ich wieder einmal in meiner Filiale anrief, um mein Konto entsperren zu lassen. Dann begann das Verhör.
„Was sind Sie eigentlich von Beruf?“
„Journalist.“
„Sie meinen freier Mitarbeiter?“
„Selbständig.“
„Also keine regelmäßigen Gehaltszahlungen.“
„Bald kommt wieder was.“
„Wann genau wird das sein?“
Nach längeren Verhandlungen bekam ich einen Überziehungskredit bewilligt, zu hohen Zinsen und begrenzt auf zwei Wochen. Meine Sachbearbeiterin stellte mir darüber hinaus großzügigerweise einen höheren Dispositionskredit in Aussicht, bestand allerdings darauf, zunächst über einen gewissen Zeitraum hinweg meine Kontobewegungen zu beobachten. Wir haben bisher noch nicht wieder miteinander gesprochen, aber das Gefühl, das jemand zumindest die ökonomischen Aspekt meiner Arbeit im Auge behält, ist sehr beruhigend.
home office
Als Kind verbrachte ich die Nachmittage oft im Arbeitszimmer meines Vaters. Während er an seinem hellbraun furnierten Schreibtisch saß und Klassenarbeiten korrigierte oder Unterrichtsstunden vorbereitete, drehte ich an dem Globus, der in der Zimmerecke stand, nahm einen der 24 Bände der Brockhaus-Taschenbuchausgabe aus dem Regal oder betrachtete die Postkarten mit politischen Karikaturen, die er an die Pinnwand über dem Heizkörper geheftet hatte. Manchmal öffnete er für mich die unterste Schublade des Schreibtisches. Dann durfte ich in dem Durcheinander aus alten Stempeln, ausgetrockneten Kugelschreibern und fleckigem Löschpapier kramen, lange Ketten ineinander verhakter Büroklammern aus kleinen Pappkartons hervorziehen und die großzügig aus Umschlägen herausgeschnittenen Briefmarken betrachten, die er sammelte, ohne sie je in ein Album zu sortieren. Ganz hinten in der Schublade lagen ein Vergrößerungsglas und zwei alte Armbanduhren mit zerschlissenen Lederbändern, die seinem Großvater gehört hatten und schon vor Jahren stehen geblieben waren. Manchmal lief das Kofferradio, das Telefon klingelte damals fast nie. Mein eigener Schreibtisch, an dem ich heute den Tag über sitze, hat keine Schubladen. Er besteht aus einer einfachen Platte, die ich vor Jahren bei Ikea gekauft habe, und zwei Metallständern. Wenn ich allerdings zurück in mein Arbeitszimmer komme, nachdem ich mir aus der Küche einen Kaffee geholt habe oder zum Postkasten gegangen bin, ruft bereits ein Hauch verbrauchter Luft die Erinnerung an den vertrauten Geruch im Zimmer meines Vaters hervor. Ich zögere jedes Mal, bevor ich das Fenster öffne.
allein zu hause
Der Tag beginnt mit einem leeren Bildschirm. Die meisten freiberuflichen Journalisten und Schriftsteller entwickeln daher über die Jahre hinweg die eine oder andere List, um der scheinbar endlosen Zeit, die zwischen dem Hochfahren des Computers und einer halbwegs gefüllten Seite liegt, ein Schnippchen zu schlagen. A., mit dem ich mich einige Jahre lang regelmäßig traf, war ein echter Experte für diese Tricks geworden. Zunächst hatte er sich noch mit einigen Tassen aufwändig zubereitetem grünen Tee über den Tag gerettet. Dann entwickelte er allerdings immer ausgeklügeltere Verfahren, um sich während der einsamen Arbeit am Schreibtisch zu motivieren und die Hürde vor dem nächsten Satz oder Absatz leichter zu nehmen. Eine Zeitlang stellte er den Wecker immer früher, um gewissermaßen schon vor dem Aufstehen die ersten Wörter in den Computer zu tippen. Als dann jedoch mit dem zwangsläufig steigenden Kaffeekonsum sein Magen Probleme machte und sich sein leichter Hang zur Hypochondrie zu einem ernsthaften Problem ausgewachsen hatte, beschäftigte er sich statt dessen mit verschiedenen Meditationstechniken und begann schließlich sogar eine Psychotherapie, von der er während unserer Treffen begeistert erzählte. Als er mit seinem Roman fertig war und wieder Theaterkritiken für die Zeitung schrieb, wurde die Angst vor dem weißen Blatt Papier jedoch von Tag zu Tag größer, und so experimentierte er einige Monate damit, sich selbst gewissermaßen kontrolliert unter Druck zu setzten und erst eine knappe Stunde vor Redaktionsschluss mit seinen Texten zu beginnen. Damals sahen wir uns schon seltener, und das Letzte, was ich von A. hörte, war, dass er einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Zunächst hatte er wohl versucht, ihn mit einem zehntätigen All-Inclusive-Urlaub in einer Tunesischen Hotelanlage zu kurieren. Schließlich entschloss er sich jedoch, seine Arbeit ganz aufzugeben, und ein Bekannter erzählte, er sei mittlerweile ausgewandert. Aber das war vielleicht auch nur ein Gerücht.
(Auszug aus dem Bulletin "p#2", dem Katalog zur Ausstellung "I House You")

